Bildung schafft Orientierung
„The only business of business is business.“ Milton Friedmans oft zitierte Formel gewinnt in letzter Zeit wieder an Bedeutung. Sie erinnert daran, dass Wirtschaft zuallererst ihren eigenen Zielsetzungen folgt: Wertschöpfung, Wettbewerb, Effizienz, Innovation, Wachstum und Profit. Eine Gesellschaft, die diese Grundlagen aus dem Blick verliert, verliert auch die Basis für Wohlstand, soziale Stabilität und Teilhabe. Und doch greift diese Perspektive allein zu kurz. Denn Wirtschaft findet nicht im luftleeren Raum statt. Sie prägt Lebensentwürfe, Arbeitswelten, Bildungschancen und Zukunftsperspektiven. Sie entscheidet mit darüber, was möglich wird und was unerreichbar bleibt. Wer Wirtschaft verstehen will, muss deshalb nach ihren Voraussetzungen, Grenzen und Folgen im gesellschaftlichen Kontext fragen. Hierzu gehört selbstverständlich die Frage, innerhalb welcher Verhaltensmuster und Regeln sich Wirtschaft und Wirtschaften bewegen sollen. Deshalb sind Wirtschaft und Ethik keine Gegensätze. Sie gehören zusammen und sollten zusammen gedacht werden. Ein wesentlicher Faktor ist dabei, den Kontext in dem Zeitrahmen herzustellen, in dem das Wirtschaften jeweils stattfindet.
„Mögest Du in interessanten Zeiten leben.“ Dieses chinesische Apokryph ist kein frommer Wunsch, sondern tatsächlich ein Fluch. In uninteressanten Zeiten verläuft alles nach Plan, Wohlstand und Fortschritt erscheinen auf lange Sicht berechenbar. Wir aber leben in interessanten Zeiten. Neben den Folgen der klimatischen und demografischen Veränderungen beeinflussen geopolitische Spannungen, technologische Umbrüche, künstliche Intelligenz, gesellschaftliche Polarisierung und eine kaum noch zu überblickende Informationsflut die Bedingungen unseres Zusammenlebens. Fakten sind überall verfügbar, jedoch nicht „alternativlos“. „Comfort Zones“, in denen sich eine erfolgreiche Gegenwart in die Zukunft fortschreiben lässt, gibt es nicht mehr. Verlässliche Orientierung und Planung über einen längeren Zeitraum hinweg gehören der Vergangenheit an. Deshalb ist mehr denn je die Fähigkeit gefragt, sich auf volatile, ungewisse, komplexe und ambige Situationen rasch einzustellen. Die weitverbreitete Reaktion, über rigorose Kosteneinsparung und Rufen nach staatlichen Interventionen überholte Geschäftsmodelle zu retten, gewinnt allenfalls (Leidens-)Zeit. Hierzu bedarf es permanenter Veränderungsbereitschaft, Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit – sowie der Risikobereitschaft, manchmal auch radikal neue Ansätze zu wagen. Nicht umsonst hat es der aus der Evolutionstheorie stammende Begriff der „Resilienz“ in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft.
Hinsichtlich des Fortkommens in diesen „interessanten Zeiten“ führt die Beschränkung auf das eigene Business in eine Sackgasse. Es braucht ein Verständnis von Zusammenhängen und ein Denken in Netzwerken und Systemen über den eigenen Tellerrand hinaus. Mit dieser Erkenntnis gehen neben der Nutzung auch eine Verantwortung („Responsibility“) und Verantwortlichkeit („Accountability“) einher. Zu den unabdingbaren Voraussetzungen für eine so verstandene Resilienz gehören Orientierungswissen, Einschätzungsfähigkeit, Selbst- und Verantwortungsbewusstsein: Humboldts „Vierklang“ der Bildung. T. S. Eliot fragte einmal: „Where is the wisdom we have lost in knowledge? Where is the knowledge we have lost in information?“ Diese Frage trifft den Kern unserer Gegenwart. Denn Information ersetzt kein Wissen. Wissen ersetzt keine Urteilskraft. Und Urteilskraft entsteht nicht ohne Bildung. Bildung muss deshalb mehr leisten als Wissensvermittlung. Sie muss junge Menschen befähigen, Zusammenhänge zu erkennen, Widersprüche auszuhalten, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und eigene Urteile zu bilden. Sie muss einen inneren Kompass stärken, der hilft, Freiheit verantwortlich zu nutzen und Handlungsmöglichkeiten nicht nur zu erkennen, sondern auch einzuordnen und zu nutzen. Bekanntlich gibt es nichts Gutes, außer man tut es.
Vor diesem Hintergrund steht der Wirkungsbericht 2025 der PwC-Stiftung unter dem Leitmotiv „Wirtschaft und Ethik“. Dieses Leitmotiv prägt unsere Arbeit seit vielen Jahren und erhält in diesem Jahr eine besondere Bedeutung: Unser wirtschaftsethisches Bildungsprogramm Wirtschafts.Forscher! feiert sein zehnjähriges Bestehen. Seit 2015 setzen sich Schülerinnen und Schüler darin forschend mit wirtschaftlichen Fragestellungen auseinander. Sie lernen, dass Wirtschaft nicht nur aus Zahlen, Märkten und Modellen besteht, sondern immer auch aus Entscheidungen von Menschen mit Folgen für andere Menschen. Der vorliegende Wirkungsbericht gibt Einblicke in Programme, Förderprojekte und Initiativen der PwC-Stiftung, die diesen Anspruch auf unterschiedliche Weise mit Leben füllen: in die wirtschaftsethische Bildung der Wirtschafts.Forscher!, in die kulturellen Erfahrungsräume der Kultur.Forscher!, in die Hör- und Zuhörbildung der Hör.Forscher! sowie Bildungsaktivitäten wie die Freie Werkstatt – Handwerk.Digital.Machen und die Literanauten, die beispielhaft zeigen, wie aus praktischem Können, Sprache, Kreativität und Verantwortung echte Teilhabe entstehen kann. Gemeinsam ist ihnen das Ziel, junge Menschen nicht nur auf die Welt vorzubereiten, wie sie ist, sondern sie zu befähigen, diese Welt aktiv mitzugestalten.
Wirtschaft braucht Spielräume, braucht Freiheit. Freiheit braucht Verantwortung. Verantwortung braucht Orientierung. Bildung schafft die Grundlagen für Orientierung in interessanten Zeiten. Wenn es gelingt, jungen Menschen diese Zusammenhänge erfahrbar zu machen, ist viel gewonnen.
Denn Bildung zum Besseren heißt nicht, fertige Antworten zu geben. Sie heißt, junge Menschen in die Lage zu versetzen, die richtigen Fragen zu stellen und den Mut zu entwickeln, nach eigenen Antworten zu handeln.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

Lutz Roschker
Stiftungsvorstand der PwC-Stiftung
